Wie nett darf (Hunde)-Erziehung sein?
Stephan Peukert • 14. April 2026
„Zu viel Druck“. „Dass ist Gewalt.“ „Damit schadest du deinem Hund!“ Solche Sätze kommen immer genau dann, wenn jemand anders erzieht, als es scheinbar vorausgesetzt wird. Am anderen Ende stehen Menschen, die komplett verunsichert sind, was eigentlich erlaubt ist. Man sollte sich bereits hier die Frage stellen, ob es bei Erziehung überhaupt darum geht, was erlaubt ist.
Erst kürzlich erlebte ich es wieder am eigenen Leib. Meine Aussage: „Eltern stehen in der Hierarchie über ihren Kindern.“ Die Antwort: „Damit sagst du, dass sich all die Psychotherapeuten und Pädagogen geirrt haben. Welche Bildung und Erziehung hast du denn genossen? Hast du mal überlegt, eine Therapie zu machen?“ Jetzt kann man diese Reaktionen in zwei Richtungen deuten. Nämlich, dass die antwortende Person das richtige Verständnis von Erziehung hat. Und zum anderen, dass ich mit dem, was ich sage, falsch liege. Irgendwie scheint sich dahinter eine Gesprächsstruktur zu verstecken, die meine Aussage bestätigt.
Komm ins Gespräch
Auf einmal muss ich mich rechtfertigen. Aber vor wem? Da kommt jemand, nimmt meine Aussage und hält sie für falsch, ohne auch nur irgendwie zu erklären, warum sie das so sieht. Ich kenne diese Struktur. Man nennt sie Wortergreifungsstrategie. Bringe deinen Gegenüber dazu, sich zu rechtfertigen. Statt eines Gesprächs stellt man einfach ganz viele Fragen auf einmal, ist dabei aber gar nicht an der Antwort interessiert. Es ist ein kommunikatives Machtspiel, in dem sich jemand über den anderen stellt. Spannend ist, dass solche Methoden immer von denen angewandt werden, die meinen, dass es solche Mächte oder Hierarchien gar nicht gibt.
„Lieber ein Hund an der Leine, den man positiv bestärken kann, als ein Hund ohne Leine, den man korrigieren muss.“ Solch eine Aussage zeigt nichts anderes als eine Dominanz über das Tier. Denn der Mensch entscheidet, dass er ausschließlich nett sein will, statt irgendwie für ein negatives Gefühl zu sorgen. Wird der Hund dabei gefragt? Nein! Denn das geht technisch einfach nicht. Genauso wenig funktioniert es, ein Kind zu fragen, ob es für sein Verhalten kritisiert werden möchte. Es würde wohl in den meisten Fällen mit Nein antworten. Und da scheint es mir doch eine spannende Parallele zu geben. Ein Kind, das rebelliert, wenn es nicht so läuft, wie es selbst will. Ergo ein unerzogenes Kind.
Haben wir es mit unerzogenen Erwachsenen zu tun, die auf einmal entscheiden, wie Erziehung aussehen soll? Die Antwort ist: ja. Wir sprechen hier von Hundehaltern und Eltern (wobei es für diese Art von Menschen keinen Unterschied gibt, ob Hundemama oder Hundepapa), die entweder verunsichert sind oder sich aufgrund der Verunsicherung radikalisiert haben. Eine Radikalität der Positivität. Also ich meine, dass man so lange positiv ist, bis jemand etwas Negatives sagt, dann greift man ihn an. Dann ist es dahin mit der Positivität.
„Kinder und Hunde an die Macht.“ Auf einmal sprechen wir von einer Erziehung, die für gute Emotionen sorgen soll. Das ist noch nie die Aufgabe von Erziehung gewesen. Es ist mehr der bittere Beigeschmack von Menschen, die geliebt werden wollen oder Angst vor der Einsamkeit haben. Man könnte auch meinen, von Menschen, die nicht richtig erzogen wurden. (Mehr zu dem Thema Erziehung findest du in meinem YouTube-Video.)
Diese Menschen übernehmen auf einmal das Sagen. Sie boxen sich überall durch, verfolgen Menschen, die anders erziehen, und wollen Gesetze, Regeln und Verbote. Das erinnert mich doch sehr an ein Kind oder einen Hund, der es geschafft hat, sich über die Erzieher zu stellen und jetzt alle nach seinen Spielregeln tanzen lässt. Man müsste dann sozusagen behaupten, dass Kinder über ihren Eltern stehen. Und das scheint mir doch das Ergebnis der heutigen Pädagogik zu sein. Es ist wie ein Rachefeldzug gegen alle, die es sich erlauben, Erziehung nachzuholen, indem sie einfach nur eine andere Meinung einnehmen. Ich meine, das sehen wir ganz bestimmt nicht nur bei dem Thema der Erziehung.
Es geht dabei nie um das Interesse am Gegenüber. Es geht dabei immer nur um sich selbst. Und zwar darum, negative Emotionen zu vermeiden und denjenigen, der einen kritisiert, mundtot zu machen. Ich persönlich habe in einer Phase meines Lebens sehr häufig diese Strategie benutzt. Und ich bin immer wieder erstaunt gewesen, mit wie wenig Wissen und Ahnung ich andere mundtot bekommen habe. Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach. Ich behaupte, dass der Himmel grün ist und du denkst, dass er blau ist. Ich nehme eine so absurde Annahme als wahr an und lasse mich auf kein Argument des Gegenübers ein. Sagt mein Gegenüber jetzt, dass der Himmel blau sei und man das doch sehen könnte, antworte ich mit einer Gegenfrage, woher er denn wisse, dass er richtig sehen könne. Genau dieses Prinzip verfolgte auch meine Kritikerin. Sie hat sich gar nicht für meine Aussage interessiert, sondern schob das alles auf meine Erziehung. Ergo: Das, was ich denke, ist eine falsche Annahme, und ich muss jetzt erklären, warum ich falsch denke. Im Umkehrschluss gibt sie nichts von sich preis, und da ist das nächste Machtverhältnis.
Wer schweigt, baut Druck auf. Um ein Gespräch zu dominieren, musst du andere dazu bringen, alles über sich zu erzählen, während du nichts von dir preisgibst. Das heißt, selbst wenn du die ganze Zeit nett bist, kannst du trotzdem dominant sein, indem du einfach nichts von dir preisgibst. Die Frage, die man sich hier stellen kann, ist, wieso man nichts von sich preisgeben sollte. Als ich meiner Kritikerin antwortete, dass wir uns gerne öffentlich darüber unterhalten können, fiel die Antwort wie erwartet aus: „Ich nehme keine neuen Klienten an.“ Erneut kein Eingehen auf meine Aussage, sie gibt nichts von sich preis, außer einer verachtenden Abwertung, in der sie mir unterstellt, ich bräuchte einen Therapeuten. Spannend für eine Person, die keine Hierarchien akzeptieren möchte, oder?
Warum fällt es uns so schwer, mit solchen Leuten und Hunden ins Gespräch zu kommen?
Natürlich erinnern mich solche Leute an Hunde, denen ich gerne mal deutlich sagen würde, dass es so nicht geht. Doch auch da haben sie schon ein Argument: „Du kannst das ja nur mit Gewalt.“ Sie sind so gut darin, das Falsche als das absolut Wahre hinzustellen, weil sie dahinter ihre ganze Persönlichkeit verstecken. Ich bin der Letzte, der da nicht sagen würde, dass mir bei solch einer Argumentation die Worte fehlen. Denn im Kern macht es extrem aggressiv, sich rechtfertigen zu müssen, während mein Gegenüber machen kann, was er will. Sag mal einem Kind, das machen kann, was es will, dass es das jetzt nicht machen darf. Es wird schlicht und ergreifend so in den Angriff gehen, dass es dir an Mitteln fehlt, etwas dagegen zu tun. Ich habe mit Kindern und Jugendlichen gesprochen, die mich schlagen und angreifen wollten. Mit Hunden kann man sich das natürlich besser vorstellen. Ein Hund, der dich beißen will. In dem Moment steht sowohl der Hund als auch das Kind über dir, weil sie deine Unversehrtheit geringer schätzen als ihre eigene. Übersetzt heißt das, dass sie wissen, sie können sich alles erlauben, selbst wenn es auf Kosten von anderen geht. Das wäre dann das Ergebnis einer falschen Erziehung. Und genau das ist doch im Kern das Argument der positiven Erziehung. Die Ursache ist, dass sie die Unversehrtheit des Hundes oder des Kindes höher einschätzen, weil sie erfahren haben, wie es ist, wenn diese gering ist. Sie wiegen das eine Extrem mit dem anderen auf. Sie praktizieren einfach das gleiche Verhalten, welches ich zum Schluss noch einmal kurz erkläre.
Man muss das Ganze immer von zwei Seiten betrachten, was das ganze Prinzip so kompliziert macht. Deswegen einfach gesagt:
Eltern übergehen das Kind = Kind verliert an Wert
Hundehalter übergeht den Hund = Hund verliert an Wert
Übergehen hat zwei Gesichter: Wir nehmen zu viel wahr / wir nehmen zu wenig wahr.
Das Kind, das keinen Wert hat, wird jetzt erwachsen = gibt dem Gegenüber entweder zu wenig oder zu viel Wert.
Das Kind wird Hundehalter = gibt dem Hund zu viel oder zu wenig Wert.
Wir haben in der Erziehung einen Bruch, in dem man sich zu stark auf das Außen und zu wenig auf sich selbst konzentriert. Dies kann viele Gesichter haben. Eben, dass ich mich unterordne, mich verliere und das Gegenüber höher stelle. Ich kann mich aber auch überbewerten und meinem Gegenüber mit Wut entgegentreten.
Weil die meisten den Weg mit Wut kennen, stellen sie diese ab und damit sich selbst und werten das Gegenüber auf. Und der Kreislauf beginnt von Neuem.
Wie nett darf man also in der Erziehung sein?
Du darfst so nett sein, wie du willst. Solange du jetzt doch nicht auch die anderen Seiten zeigst, ist das alles ziemlich wertlos. Spannend ist, dass diese angestauten Emotionen dann immer genau dann rauskommen, wenn jemand eine andere Meinung hat als man selbst. Die meisten Menschen definieren ihren Wert über die Akzeptanz ihrer Meinung. Hat ihre Meinung also nicht den Wert der hundertprozentigen Wahrheit, fühlen sie sich angegriffen. Denn darüber kompensieren sie ihre erfahrene Wertlosigkeit. Und natürlich würden solche Menschen niemals einen Hund korrigieren, da sie in ihrer Welt die Meinung des Hundes untergraben. Selbst wenn einer dieser Hunde Menschen totbeißt, hätte er immer noch eine Meinung, die gleichwertig ist wie die eines Hundes, der niemanden getötet hat. Auf der gesellschaftlichen Ebene ist das eine mögliche Erklärung eines gesellschaftlichen Werteverlustes. Alle haben einen Wert und Kritik mindert diesen Wert – falscher kann man gar nicht liegen.